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Vogelzug in Linum

Kranich- und Gänsemassen unterwegs

Fotos: Günter Blutke - Text: Henrik Watzke

Kraniche

Biologie des Kranichs und der Wildgänse

Der Beginn der Reise
Der Sommer hat seinen Höhepunkt erreicht. In Mitteleuropa steigen die Temperaturen an sonnigen Tagen ins Unerträgliche. Etwa 5000 km weiter nordöstlich beginnt der Zug der Wildgänse. Sie fliehen vor den ersten kühlen Sommernächten im August.
Die Vegetationsperiode geht zu Ende. Mit den ersten Frösten Ende August können die Gänse in der kargen sibirischen Weite nicht mehr ausreichend Nahrung finden. Dies ist der Zeitpunkt, an dem sich die transkontinentalen Zugvögel zu Verbänden zusammenschließen. Gemeinsam treten sie die Reise in Richtung Südwesten nach Mitteleuropa an.
Zur gleichen Zeit beginnen sich die Kraniche zu sammeln. Bereits den ganzen Sommer über gab es an günstigen Stellen Übersommerertrupps aus noch nicht brutreifen oder mit der Brut aussetzenden Vögeln. Zu diesen gesellen sich immer mehr Brutpaare mit ihrem Nachwuchs. Zunächst werden dann im Frühherbst Rastplätze in Südschweden und an der Ostseeküste aufgesucht. Erst ab Ende September/Anfang Oktober findet dann verstärkter Einflug ins Rhinluch statt.
In den letzten Jahren nimmt der Bestand der an den Linumer Teichen schlafenden Kraniche stetig zu. Ursachen sind einerseits eine tatsächliche Bestandszunahme, andererseits aber auch die Aufgabe gestörter Rastplätze sowie ein verändertes Zugverhalten.

Wildgänse

Die Gänsearten
Zu den nordischen Gänsearten, die bei uns auf dem Zuge auftreten, zählen hauptsächlich Bless- und Saatgänse. Mit einem hohen jodelnden Ruf landen die am Bauch getigerten Blessgänse (Anser albifrons) auf den Grünlandflächen. Die ruffreudigen Vögel tragen eine weiße Blässe über dem fleischfarbenen Schnabel. Bei den etwas größeren Saatgänsen (Anser fabalis) fehlt die Blesse über ihrem schwarz und orange gefärbten Schnabel. Der dunkle Kopf und die helle graue Brust unterscheiden sie deutlich von ihren Vettern. Sie rufen selten und schmettern dabei ein dunkles "gahn-gahn". Die dritte graue Gans ist die Graugans (Anser anser). Sie brütet an den Linumer Teichen in etlichen Paaren und ist auch im Herbst noch unter den Scharen der nordischen Gänse zu beobachten. Sie ist die größte graue Gans und fällt durch einen großen orange-rosa Schnabel und helle Vorderflügel auf. Ihr Ruf ist ein nasales "ang-ang". Neben diesen drei Arten sind einige seltenere Arten im Gebiet zu erwarten: Regelmäßig ist die kleine schwarz-weiß gefärbte Weißwangengans (Branta leucopsis) zu beobachten. Viel seltener und schwer zu bestimmen ist die Kurzschnabelgans (Anser brachyrhynchus), die aussieht wie eine etwas kleinere Ausgabe der Saatgans. Ein Ausnahmegast ist die exotisch anmutende Rothalsgans (Branta ruficollis).

Kraniche

Der Jahresrhythmus
Die ersten nordischen Gänse tauchen im Herbst Mitte September auf. Im Oktober werden meist die Maximalbestände im Gebiet (ca. 30.000) erreicht. Bis in den November bleiben die Bestände hoch. Im Dezember ist eine deutliche Abwanderung der Gänse zu beobachten. Die Vögel fliegen dann meist ins niederländische Wattenmeer. In den meisten Wintern sind aber auch einzelne Gänse hier zu beobachten. Der Frühjahrszug beginnt im März. Dieser ist in manchen Jahren schwächer als der Herbstzug, in manchen stärker. Spätestens Anfang April verlässt das Gros der Gänse das Rhinluch Richtung Nordosten. Nur einzelne verspätete Vögel verbleiben bis Mai. Auch die ersten Kraniche ziehen ab Mitte September im Rhinluch ein und nutzen die Linumer Teiche als Schlafgewässer. Das Maximum der Herbstrast ist Mitte bis Ende Oktober zu verzeichnen. Im November ziehen dann immer mehr Kraniche ab. Nur in milden schneearmen Wintern (z.B. 2000/2001) verbleiben größere Kranichgruppen im Gebiet. Normalerweise verlassen aber die Kraniche das Gebiet, um in Spanien, Portugal und zunehmend auch in Frankreich zu überwintern. Der Durchzug im Frühjahr (März) erfolgt deutlich unauffälliger und schneller. Es werden nie so große Rastansammlungen festgestellt wie im Herbst. Auch im Sommer sind Kraniche in der Region anwesend. Es handelt sich dabei um wenige Hundert Nichtbrüter.

Dämmerung

Der Tagesrhythmus
Mit den ersten Sonnenstrahlen brechen die Gänse und Kraniche von ihren Schlafplätzen auf. Die Trupps fliegen zur Nahrungsaufnahme auf Grünlandflächen, Stoppeläcker und Winterkulturen. Die Gänse bilden dort gleichmäßig verteilte Gruppen und kürzen die Grashalme mit der Präzision eines Rasenmähers. Die Kraniche nehmen bei der Ernte liegengebliebene Maiskörner, Getreide und auch verschiedene Kleintiere auf. Gänse brechen an trockenen Tagen zur Mittagszeit zu Trinkflügen zu größeren Gewässern auf, wo sie saufen, sich baden und putzen. Danach geht es wieder auf die landwirtschaftlichen Flächen zum Fressen. Sobald es dämmert, fliegen die Gänse zurück zu ihren Schlafplätzen. Dies sind in der Regel Gewässer (Linumer Teiche), die Schutz vor Feinden bieten. Die Kraniche verbleiben den ganzen Tag auf den Äsungsflächen und nutzen diese bei Störungsfreiheit auch zum Dösen und Putzen. In der Dämmerung fliegen sie zunächst zu Vorsammelplätzen in einiger Entfernung vom Schlafplatz und fliegen erst bei Dunkelheit in ihre Schlafgewässer, die eine Wassertiefe aufweisen müssen, die den Kranichen das Stehen im flachen Wasser ermöglicht.

Die Störungen
Gänse und Kraniche werden durch viele Ursachen gestört. Dies führt dazu, dass sie unnötig Energie verbrauchen und somit häufiger und länger äsen müssen. Fliegen 8000 Gänse aufgrund einer unnötigen Störung zehn Minuten durch die Luft, so benötigen sie 150 kg Gras, um den Energieaufwand wieder auszugleichen. Daneben ist der Flugverkehr, besonders Ballonfahrer, ein großes Problem, wenn nicht Mindesthöhen und möglichst konfliktfreie Flugrouten eingehalten werden. So konnte mehrfach beobachtet werden, wie rastende Kranichgruppen von Ballons in großer Panik aufgescheucht wurden. Dabei werden die Familien auseinandergerissen, die oftmals erst wesentlich später wieder zusammenfinden. Ein weiterer Störfaktor sind unkundige Touristen, die sich Gänsen und Kranichen nähern. Dabei werden Warnsignale, die die Tiere zeigen, nicht beachtet. Solange fast alle Tiere die Köpfe gesenkt haben und fressen, sind sie nicht beunruhigt. Wenn aber plötzlich alle Vögel die Köpfe heben, ist das ein Warnzeichen, dass sie beunruhigt sind. Jetzt darf man sich den Tieren auf keinen Fall weiter nähern, denn sonst unterschreitet man die Fluchtdistanz und die Tiere fliegen davon. In Gebieten, in denen intensive Besucherlenkung (mit Angebot geführter Exkursionen) stattfindet, ist der Anteil durch Touristen verursachter Störungen auf 7,6 % zurückgegangen.





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